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Ich mache mich an diesem Samstagmorgen zu spät auf den Weg. Die Nacht war zu lang, der Wein zu gut und die Luft für einen Abend im Oktober viel zu lau, um früh ins Bett zu gehen. Erst gegen 11 Uhr schlendere ich durch die Via Etnea hinunter Richtung Porta Uzeda. Dem Ätna in meinem Rücken werfe ich einen kurzen Blick zu. Wie ist seine Laune? Er zeigt nur seinen breiten Rumpf, den Rest liegt verborgen hinter weißen Wolken. Dabei ist der Tag so gut wie makellos. Über Catania scheint die Sonne, die Catanesi lassen es gemächlich angehen. Sie bummeln mit mir über ihre Via Etnea, vorbei an Geschäften und Läden der global agierenden Ketten. Aber diese Straße ist viel mehr als eine Shoppingmeile. Wo sonst gibt es dazu barocke Paläste, ein römisches Amphitheater und ein Denkmal für Bellini? Wenn schon shoppen, dann in dieser Umgebung.

Aber nicht heute. Vermutlich bin ich nicht der Tourist, den die Geschäftemacher am liebsten sehen würden. Ich lasse kein Geld in ihren Boutiquen. Ich bin auf dem Weg zur Pescheria von Catania. Vorbei am Brunnen des Amenano geht es ein paar Stufen hinab zur Piazza Alonzo di Benedetto.

Nichts deutet auf das Spektakel hin

An Nachmittagen ist der Platz aufgeräumt und schläfrig. Wer ihn ahnungslos passiert, wer seine Bestimmung nicht kennt, wird ihn kaum in Erinnerung behalten. Nichts deutet auf das Spektakel hin, das sich hier fast jeden Morgen abspielt.

Die Blutspuren auf dem Boden – fort,
die unzähligen Tische, Hocker, Eimer, Schalen und Körbe der Fischhändler – von Geisterhand verschluckt,
das Marktgeschrei – vom Wind verweht.

Das Pflaster aus Lavasteinplatten schweigt, der Platz ist leer und schattig.

Während ich den schwarzen Elefant auf dem Domplatz verstohlen grüße, damit er mir etwas von seiner magischen Kraft abgebe, frage ich mich, ob ich zu spät dran bin. Schon bald zwölf Uhr. Nur in den frühen Stunden des Tages erwacht die Pescheria von Catania zum Leben. Bis zum Mittag preisen Händler ihre Waren an – Muscheln, Krebse, Tinten- und Degenfische, Hornhechte, Doraden. Vor den Augen der Besucher zerlegen und entgräten sie große Thun- oder Schwertfische.

Letztere, heißt es, waren vor Jahren in der Meerenge von Messina wegen Überfischung durch die Industriefischerei so gut wie verschwunden. Bei Greenpeace stand Schwertfisch auf einer roten Liste. Die EU hat seit 2019 eine Mindestlänge von einem Meter und ein Mindestgewicht von 11,4 Kilogramm für den Fang eines Schwertfisches eingeführt. Was kleiner oder leichter ist, soll zurück ins Meer. Wer weiß, wer sich daran hält. Das Mittelmeer gilt generell als gnadenlos überfischt.

Pralles Leben und kalter, nasser Tod

Nichts ist mehr harmlos auf diesem Planeten. Der Widerspruch ist überall. Einfache Fischer werden nicht schuld sein, einfache Händler, die ihren Lebensunterhalt sichern, auch nicht. Der Geräuschpegel steigt, deshalb verschiebe ich die Schuldfrage. Es ist nicht die Stunde der Kontemplation. Ich stürze mich ins Getümmel.

Auf dem Platz regiert das Jetzt. Der Fisch muss weg, solange er frisch ist.

Ich wage es die Kamera rauszuholen. Ich bin ein Parasit, einer der schlimmsten, ein Tourist, vielleicht das schlimmste aller Wesen. Einer, der auf seinen Streifzügen kurz vorbeischaut, nicht mal was kauft, und dann wieder verschwindet. Aber es ist zu schön, um es nicht zu tun. So viel pralles Leben und kalter, nasser Tod dicht gedrängt auf einem kleinen Platz. Die Menschen noch lebendig, die meisten Fische tot. Nur eine kommende Mahlzeit. Am Abend dieses Tages werde ich Schwertfisch essen, vielleicht jenen, der gerade eben um sein Schwert gebracht und in handliche Scheiben zerlegt wird.

Numero uno sieht nicht glücklich aus

Die Händler sind bei der Arbeit. Sie sind ganz in der Gegenwart. Sie verkaufen. Der Fisch muss weg, solange er frisch ist.

„Numero uno”, sagt einer zu mir. Er grinst.

„Davvero?”, antworte ich.

„Numero uno”, wiederholt er und zeigt mit dem Kopf auf einen Händler.

Die Nummer eins am Platz. Was immer das bedeutet. Ich bin mit der Hierarchie nicht vertraut. Numero uno sitzt jedenfalls in der Mitte. Numero uno sieht im Moment nicht glücklich aus. Etwas bricht aus ihm heraus, was in meinen Ohren nach Schimpfkanonade klingt. Sizilianisch. Ich verstehe kein Wort. Dazu die vorwurfsvollen Handbewegungen aus der Kategorie „Was soll der Mist, den du das verzapfst. Echt jetzt.“ Das ist eine sehr freie Übersetzung dieser Gestik. Ein sizilianischer Ausbruch des Temperaments. Nehme ich an, hoffe ich. Leider keine Ahnung, worum es geht. Die Worte richten sich eindeutig an den Mann, der ihn eben noch als Numero Uno vorgestellt hat. Die Stimme hallt über der ganzen Platz. Der Lautstärke nach ist er unzweifelhaft Numero uno. Der Mann neben mir lächelt ergeben, aber er antwortet nicht. Numero uno hat gesprochen.

Ich bin nur froh, dass Numero uno ihn im Visier hat, mich würdigt er keines Blickes. Ich bin Luft, oder ich wünschte, ich wäre Luft. Ich würde mich gern erklären. Als nicht ganz fremdes Glied in der Kette. Ich habe einen Grund hier zu sein, ich suche nach einem Ort, an dem ich leben kann. Wo er ist? Ich weiß es noch nicht. Vielleicht auf Sizilien, vielleicht in Catania, vielleicht anderswo. „Anderswo ist ein schöneres Wort als morgen“, sagte der französische Schriftsteller Paul Morand.