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“Einmal, während der Zug an Aci Trezza vorbeifuhr, rieft Ihr, aus dem Wagenfenster schauend, aus: ‚Einen Monat möchte ich da unten verbringen!’” So beginnt die Novelle „Träumerei“ von Giovanni Verga. Der berühmte Sohn Catanias veröffentlichte sie 1880. Das ist lange her. Jetzt, 2021, kann ich mir kaum vorstellen, wie es damals ausgesehen haben mag. Aber einen Monat würde ich immer noch gern hier leben wollen.

Online gibt es tatsächlich ein paar Bilder aus dieser Zeit vor fast 150 Jahren. Der Blick auf die Lavainseln ist unverbaut und der Hafen sieht eher provisorisch aus.

“Piano, piano”, grinst der Mann, der gerade aus dem Wasser kommt. Er tastet zwischen den Steinen nach dem richtigen Tritt. Ich stehe unentschlossen an Land. Die Badehose habe ich schon an und die Schwimmbrille in der Hand. Ich bin bereit, aber ich frage mich und ihn, ob es schwierig ist, hier ins Wasser zu gehen und vor allem wieder herauszukommen.

“Einfacher ist es dort”, sagt er und zeigt auf ein Strandbad. Es ist auf Pfählen auf die Felsen gebaut. Eine Treppe führt dort hinab ins Meer. Es geht auch einfach, wenn man es komfortabel haben will. Andererseits ist das die schönste Stelle, um schnell ein Bad zu nehmen. Das Wasser ist klar und sieht an diesem Oktobermittag, der an die siedende Wärme des Hochsommers erinnert, wie das Versprechen auf einen Jungbrunnen aus.

Die Seele wird leicht, ich schwimme

Drei Minuten später hat er es aus dem Wasser geschafft, und ich wage mich vor. Schritt für Schritt suche ich Halt, bis ich glaube, dass das Wasser tief genug ist, um ohne Schürfwunden eintauchen zu können. Alles ist gut, die Seele wird leicht, ich schwimme. Der Mann winkt mir zu, das Leben ist besser, wenn man sich mit anderen an einem kleinen Glück freut.

Aci Trezza liegt im Norden von Catania am Fuße des Ätna. Die Küste trägt den dramatischen Namen “Riviera dei Ciclopi”. In fernen Zeiten, als sich der Mensch die Welt noch durch Mythen zu erklären versuchte, sollen sich an der Zyklopenriviera Dramen abgespielt haben. Odysseus trickste hier den Zyklopen Polyphem aus, wenn auch zu spät, um zwei seiner zwölf Gefährten zu retten. Der einäugige Riese erschlug und fraß sie.

Zyklopenriviera: Wacht Polyphem auf?
Zyklopenriviera: Wacht Polyphem auf?

Tags darauf gelang Odysseus mit der verbliebenen Mannschaft die Flucht aus der Höhle des Zyklopen. Sie krallten sich an den Bäuchen der Schafe und Ziegen fest, die der Einäugige draußen auf den Wiesen füttern wollte. Wütend schleuderte der Zyklop Odysseus Felsbrocken hinterher, die bis heute von der Begebenheit künden. Tatsächlich sieht eine der Inseln wie ein steingewordener Zyklop aus, der sich mit viel Schwung aus dem Wasser erhebt. Homer kennt die Details, die er vermutlich erst fünfhundert Jahre nach dem Ereignis aus mündlichen Überlieferungen erdichtete.

Wieder fliegen Felsbrocken

Geht es nach Ovid, trug es sich anders zu. Ein junger Schäfer namens Akis (”Aci”) verliebte sich in die Nymphe Galatea. Sehr zum Ärger von Polyphem, der auch ein Auge auf sie geworfen hatte, wegen seines wenig einladenden Aussehens bei ihr aber chancenlos war. Im Liebeswahn flog wieder ein Felsbrocken, angeblich stammte er vom Ätna. Dieses Mal verfehlte Polyphem sein Ziel nicht, er traf zumindest Akis. Er muss schrecklich ausgesehen haben und überlebte die Attacke nicht. Der verzweifelten Galatea blieb nichts anderes übrig, als sein Blut in einen Fluss zu verwandeln. In Erinnerung an das Liebesdrama und den tragischen Helden tragen viele Dörfer an der Zyplokenriviera Aci im Namen.

Auch wenn die Denkmale der schaurigen-schönen Geschichten heute noch sichtbar sind, die Wissenschaft hat diese Mythen längst vernichtet. Die Zyklopeninseln sind das Ergebnis von submarinen Vulkanausbrüchen. Sie müssen lange her sein. Heute stehen die Felsen wie Wächter vor der Küste und dem kleinen Fischerhafen.

Das harte Leben der Fischer von Aci Trezza

An diesem Oktobermittag geht es in Aci Trezza piano zu. Niemand hat es eilig. Die Kitsch-Verkäufer an der Mole finden noch keine Kunden, auf den Lavasteinen liegen sorgenfreie Sonnenbadende und einige Angler an der Mole hocken unter Sonnenschirmen und warten auf einen Fang. Alles ganz entspannt. “Ciao”, grüßen sie en passant. Nichts erinnert an das harte Leben der Fischer, das Giovanni Verga 1881 in dem Roman “Die Familie Malavoglia” beschrieben hat. An diesem wolkenlosen Tag ist Aci Trezza ganz piano und ein bisschen pittoresk, zumindest an der Oberfläche.

Und während die Dame von Welt aus der Geschichte Träumerei schon nach drei Tagen ihre Koffer wieder gepackt hatte, endet Verga mit einer Warnung an die kleinen Leute: „Wenn jemand von diesen kleinen Leuten, der schwächer oder unvorsichtiger, oder egoistischer war als die anderen – aus Verlangen nach dem Unbekannten oder aus dem Drang nach dem Besseren, oder aus Neugier, die Welt kennenzulernen -, so hat ihn die Welt, als der Raubfisch, der sie ist, verschlungen und seine Angehörigen auch.“