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Es wird ein paar Tage dauern, bis ich realisiere, dass ich genau in diesem Zimmer vor zwanzig Jahren schon einmal übernachtet habe. Ich erkenne es an den Bodenfliesen. Ich habe mir sie eingeprägt, weil sie das schönste Detail der Innenausstattung des Zimmers waren. Damals war der Corte dei Medici Palace nichts anderes als eine dunkle Absteige in der Via Umberto I. Am Empfang saß ein Greis, der so abgerissen aussah wie die Pension. Mühsam nahm er meinen Namen auf und händigte mir den Schlüssel aus. Dabei betrachtete er mich mindestens so misstrauisch wie ich ihn.

Das Bett ließ sich bestenfalls als üble Hängematte bezeichnen. Kein Lattenrost, nur ein durchgelegenes Stahlgitter, auf dem eine dünne Matratze lag, die diesen Namen allein in einem früheren Leben zurecht hätte tragen dürfen. Um die Qual zu verkürzen, stürzte ich mich umgehend in das Nachtleben. Ich hatte ohnehin vor, nur eine Nacht zu bleiben. Am nächsten Tag wollte ich meine Reise mit dem Zug entlang der Küste Richtung Palermo beginnen. In den Tagen darauf ließ ich mir immer erst das Zimmer zeigen und prüfte die Matratze, bevor ich mich entschloss zu bleiben.

Corte dei Medici – Der Name war mir längst entfallen

Beim besten Willen hätte ich mir nicht vorstellen können, in das Corte dei Medici ohne triftigen Grund zurückzukehren. Der Name war mir längst entfallen, ebenso wie der Name der Straße. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich zwanzig Jahre später nicht nur im selben Hotel, sondern im selben Zimmer landen sollte?

Im Jahr 2021 erinnert bis auf die Bodenfliesen nichts an die Absteige von einst. Der Corte dei Medici Palace ist vor ein paar Jahren renoviert worden. Über Farbwahl und Lichtsetzung an der Außenfassade ließe sich trefflich streiten. Die Zimmer selbst sind groß und hoch. Luxuriös sind die Einrichtungsgegenstände nicht, aber sie erfüllen ihren Zweck. Ein kleiner Schreibtisch, ein Schrank, dessen Türen klemmen, die Plastiklampen auf dem Nachttisch scheinen eher pflichtbewusst aufgestellt worden zu sein, weil es sie eben zu einem Hotelzimmer gehören. Leider sind sie so leicht, dass schon ein Windzug genügt, um sie vom Tisch zu fegen. Aber immerhin gibt es richtige Betten, auf die man sich nach einem langen Tag in Catania gerne fallen lässt.

Wohnen wie die Einheimischen

Die Zimmer atmen den Geist eines alten Palazzos. Tatsächlich fühlt man sich darin besser als in einem der üblichen Hotelzimmer der großen Ketten, bei denen ein Zimmer wie das andere ist oder die so klein sind, dass man einem Einrichtungsgegenstand ähnelt und gelegentlich Gefahr läuft, das Atmen einzustellen. Du kannst dir einbilden, dass die Einheimischen hinter den rußigen Fassaden gegenüber auch in solchen Räumen leben.

Der schmale Balkon meines Zimmers mit dem Namen Paracelsus liegt über der Via Umberto I. In den Morgen- und Abendstunden schwillt der Verkehr hier regelmäßig an, aber nur sehr Empfindliche wird es stören. Dafür ist man mitten drin. Schräg gegenüber führt die Via Santa Filomena, wo sich ein Restaurant an das nächste reiht, direkt ins Zentrum. Morgens ist es nicht weit zur Villa Bellini und seinem Park. Wer ein paar Schritte nicht scheut, kann die ganze Innenstadt von hier erlaufen.

Die Menschen im Corte sind hilfsbereit und hatten immer ein freundliches Wort auf den Lippen. Zum Corte dei Medici gehört auch ein gleichnamiges Restaurant mit einem schönen Garten. Gäste des Hauses erhalten hier einen Rabatt. Wer nicht durch die Straßen streifen will, um nach einer neuen Entdeckung zu suchen, kann hier gut essen. Auch die Einheimischen besuchen das Restaurant, um mit ihrer Familie zu speisen, was immer ein gutes Zeichen ist. Der Name hat einen guten Klang, aber er geht wohl nicht auf die berühmten Medici aus Florenz zurück. Für ein paar Tage ist das Corte dei Medici in der Via Umberto I. perfekt. Einfach, gut und bezahlbar.