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Mancher erliegt dem Zauber von Catania sofort, andere können der Stadt nicht schnell genug den Rücken kehren. Die Reaktionen, die Catania bei seinen Besuchern auslöst, sind so widersprüchlich wie die Stadt selbst. „Ich habe immer gedacht und gesagt, dass Rom die Stadt ist, in der ich leben möchte, gefolgt von Ferrara und Livorno“, schreibt Pasolini in seinem Reisebericht in „Die lange Straße aus Sand“. „Aber da kannte ich Reggio, Catania und Syrakus noch nicht. Ohne Zweifel, ohne jeden Zweifel, würde ich hier gerne leben: leben und sterben, nicht an der Stille, wie Lawrence in Ravello, sondern an der Freude.“

Provisorisch, schäbig, unfertig

Es dauert nur ein paar Zeilen, bis er nach der Freude, die er in Städten wie Catania empfindet und deren Zauber er sich selbst nicht richtig erklären kann, auf die dunklen Seiten zu sprechen kommt. Trotz des üppigen Barocks seien es keine schönen Städte: „Sie scheinen stets gerade erst wieder aufgebaut worden zu sein, nach einem Erdbeben, nach einem Seebeben, alles ist provisorisch, baufällig, schäbig, unfertig.“

Nun könnte man denken, dass sich das mehr als 60 Jahre später erledigt hat. Catania würde sich in ganzem Stolz und frisch renoviert zeigen, aber das scheint eher die Ausnahme als die Regel. So als bestünde der Stolz der Stadt darin, einiges verfallen zu lassen, damit der Widerspruch erst die Schönheit hervorbringt. Und zu den wirklichen Wundern Catanias gehört, dass Verfall nirgendwo so schön aussehen kann wie hier. Ist das der Zauber, den sich Pasolini nicht erklären konnte? Er selbst sagte, er müsse viele Jahre hier leben, um ihn zu verstehen.

Das Nebeneinander von Prunk und Verfall machen die Seele von Catania aus. Ein süßer Schmerz, die schöne Form der Melancholie weht in der Stadt und wirft alle Lebenden in die Gegenwart. Nichts ist für die Ewigkeit, nur das Leben will jetzt gelebt werden. Das war vor zwanzig Jahren nicht anders als heute. Überall saniert und herausgeputzt, wäre Catania vielleicht zu schön. Manchen entgeht das. Sie lassen sich abschrecken vom Ruß der Fassaden, von schwarzen Lavasteinen, von dreckigen kleinen Höfen und dunklen Gassen. Den Reiseschriftsteller Paul Theroux jedenfalls hielt es nicht lang, als er in den 1990er-Jahren die Stadt besuchte: „Catania war groß und finster, ein Ort, wie ihn wohl nur ein Mafioso ertragen konnte, und das allein wegen der Möglichkeiten, Geld aus ihm zu schlagen.“

Dass Catania nicht alle gleichermaßen verzaubert, sondern manche regelrecht abstößt, ist vielleicht die Rettung der Lavastadt. Wäre Catania herausgeputzt, würden Touristen die Tochter des Ätnas überfallen und überwältigen, sie zu einem Ort machen, der nur noch zum Besichtigen da ist und nicht mehr, um dort zu leben. Und ich bin auf der Suche nach einem Ort, an dem ich leben kann.

Ein Fest für die Augen

Catania ist vor allem ein Fest für die Augen. Neben prunkvollen Barockpalästen finden sich nur wenige Meter weiter solche, bei denen nur noch bätternde Fassaden vom vergangenen Ruhm erzählen.

„Immer weiter nach Süden, wie in süßem Zwang“

Übrigens: Pasolini reiste 1959 an der Küste Italiens entlang, „immer weiter nach Süden, wie in süßem Zwang“. Seine Reportagen schrieb er für die Illustrierte „Successo“. Es ist eine lohnende Zeitreise, die sich ganz bequem aus dem eigenen Bett unternehmen lässt. Allerdings mit Nebenwirkungen. Man möchte sofort aufbrechen, um es selbst zu sehen. Pepe Danquart hat sich von der „langen Straße aus Sand“ 60 Jahre später zu dem Film „Vor mir der Süden“ inspirieren lassen. Aber das nur nebenbei.