Skip to main content

Die Lava quillt unter dem Fensterrahmen in den Raum. Ist sie schon erstarrt oder dringt sie jeden Augenblick weiter vor? Der Blick aus dem Fenster fällt auf ein schwarzes Lavafeld und endet auf einem der vielen Vulkankegel Lanzarotes. Was ist innen, was ist außen? Es könnte ein surrealistisches Bild sein. Nur ein Bild, nichts, was sich in der Wirklichkeit so finden lässt.

Es ist ein Kunstwerk, das man sich in einem kleinen Apartment in Berlin, Hamburg, London oder Paris gerne an die eigene Wand hängen würde. Weil man die Welt der Stadt damit in die Schranken weist und sich als gestresster Städter einbilden kann, in intensiver Nähe zur Natur zu leben. Es könnte auch eine Mahnung sein. Ein Bild, das an all das erinnert, was du einer Stadt wie Berlin nicht hast. Dort steigst du auf dem Weg zur Arbeit hinab in die Höhlen der U-Bahn-Stationen, in denen Süchtige ihren Stoff auf Alufolien zubereiten. Das ist im Jahr 2022 längst keine neue Normalität.

Das Fenster und diesen Ausblick gibt es wirklich. Es gehört zu einem Haus, das Cesar Manrique auf Lanzarote erbaut hat und in dem er gut zwanzig Jahre von 1968 bis 1987 lebte. In der Nähe von Tahiche entdeckte Manrique während einer Inselrundfahrt mehrere Blasen in einem Lavafeld. Ein Feigenbaum wies ihm den Weg. Seine Spitze ragte aus dem Lavafeld hervor. Der Legende nach kaufte er das Stück Land günstig von einem Bauer, der sich nicht vorstellen konnte, was Manrique mit dem unwirtlichen Lavaland anfangen wollte.

Schöne Träumereien, aber unmöglich?

Fünf Lavablasen entdeckte Manrique hier. Er benutzte sie als Untergeschoss für sein Haus, der schönste Keller der Welt entstand. Ein schmaler Tunnel verbindet die Blasen, an einer größeren Öffnung des Lavafeldes baute Manrique einen Pool. Die Blasen brach er nach oben auf, damit das Licht der Sonne und der Sterne eindringen konnte. Naturzimmer, die ihre Atmosphäre mit Wind, Wetter und dem Licht der Tageszeit verändern.

Kinder denken sich solche Orte zum Leben, Essen und Wohnen aus. Erwachsene belächeln das mit einem Blick auf die Realität: schöne Träumereien, aber unmöglich. Manrique muss ein Mann gewesen, dem seine Träume keine Angst gemacht haben. Von einer vermeintlichen Realität ließ sich The Amazing Manrique nicht stoppen. Und ja, es gibt Superhelden in der Wirklichkeit. Sie zeigen, was möglich ist. Wer will nicht aufbrechen und an einem anderen Ort auf diesem Planeten solche Häuser bauen, um darin zu leben. Wer sagt, es sei nicht möglich?

Eine Architektur der Distanzauflösung

Manrique ist für mich so außergewöhnlich, weil er sich nicht mit einem Rahmen zufriedengegeben hat. Seine Leinwand war die gesamte Insel Lanzarote. Seine Werke und Bauten auf Lanzarote sind für die Zukunft gemacht, für Menschen, die den Irrsinn hinter sich lassen, zu sich selbst finden und ein Leben in enger Verbindung mit der Natur führen, nicht als ihr Beherrscher, sondern als Teil von ihr.

Es ist eine Architektur der Distanzauflösung. Und der Auflösung eines vermeintlichen Widerspruchs: Kunst-Natur / Natur-Kunst. “Arte-naturaleza/naturaleza-arte”, so nannte es Manrique. Die Natur war immer schon eine Künstlerin. “Mein vordringliches Anliegen ist der Schutz von Landschaft und Umwelt”, schrieb Manrique in den siebziger Jahren in dem Buch “Lanzarote -arquitectura inédita” (“Lanzarote – ein unbekannte Architektur”). “Lebensräume müssen als Ganzes gedacht sein, urbane Architektur perfekt in die Landschaft integriert werden, sodass sie eins werden.”

Manrique ist ein magischer Künstler, ein Zauberer, der Atmosphären schafft, kein Esoteriker, aber spirituell. Die Natur und die Lava waren sein Material. Mit kleinen Eingriffen betonte er ihre Schönheit, damit Menschen sie wahrnehmen können. An keinem Ort lässt sich das an Körper und Geist so deutlich erfahren wie in den Jameos del Aqua. Es war eines seinen ersten Projekte. Im Norden des Insel entdeckte Manrique in den 1960er-Jahren eine Lavaröhre, die sich über mehrere Kilometer vom Vulkan Monte Corona bis zum Meer erstreckt.

 

James del Agua, Lanzarote

Eine Kathedrale aus Lava

“Wenn du mir hilfst, mache ich daraus einen der schönsten Plätze der Welt“, soll Manrique zu seinem Freund Pepin Ramirez, damals Präsident der Inselverwaltung, gesagt haben. Die Höhle war alles andere als schön. Die Inselbewohner benutzten sie für ihre Müllentsorgung. Wer heute hinabsteigt, der hat das Gefühl, einen spirituellen Raum zu besuchen. Und obwohl du vielen mit anderen Touristen über eine schmale Wendeltreppe nach unten steigst, kann das den Zauber nicht dämpfen. In der Höhle, die von zwei Seiten offen ist, wartet eine Lagune, glasklar und spiegelglatt. Wie Sterne leuchten Albinokrebse im Wasser. Eine weitere Höhle hat Manrique zu einem Konzertsaal für etwa 1.000 Zuhörer umgebaut. Jameos del Aqua ist eine Kathedrale aus Lava.

Manrique hat versucht, das Naturwunder Lanzarote zu bewahren. Überall auf der Insel hat er seine Werke hinterlassen. Die Atmosphären dieser Orte sprechen für sich. Die Schönheit der Natur stand immer im Mittelpunkt. Wie ein Angebot oder eine Aufforderung zur Versöhnung. Die Gefahren, die vom Tourismus ausgehen, kannte er genau. Er hoffte “nicht auf reiche, sondern auf neugierige, gebildete, empfindsame, kurzum auf kultivierte Touristen”.

Walk on water!

Neues aus Lavaland, einmal im Monat - warum nicht schweben?

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.