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Es war in Neapel, als ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, nicht mehr in Europa zu sein. An einem Oktoberabend in den 1990er-Jahren ließ ich eine Welt hinter mir und betrat eine völlig andere – jenseits der Palmengrenze. Ich schlenderte nach Sonnenuntergang durch die schmalen Gassen von Neapels Altstadt. Die Bewohner der Wohnungen zu ebener Erde lebten so gut wie auf der Straße. Du konntest in die schmucklosen Küchen sehen und beobachten, wie sie das Abendessen vorbereiteten. Sie parlierten und würdigten den Spaziergänger keines Blickes.

Nirgendwo anders

Staunend irrte ich weiter. Nur der eine oder andere Schrein zu Ehren einer Heiligen spendete gelegentlich ein fahles Licht. Der modrige Geruch der Gemäuer, die Abendluft und die Essensdüfte versenkten mich in eine andere Zeit. Ich spürte, dass diese Menschen anders lebten, nach einem anderen Takt, dass sich ihre Weltsicht grundsätzlich von meiner unterschied. Hinter der Oberfläche – denn mehr als die Oberfläche kannte ich nicht – lag etwas Unbekanntes.

Tags darauf, als ich wieder durch das spanische Viertel zum Hafen lief, verstärkte sich der Eindruck. Bunte Hemden, Kleider und Laken flatterten wie Fahnen auf den Wäscheleinen, die von Haus zu Haus gespannt waren. Frauen unterhielten sich lautstark über die Straße hinweg und zogen immer neue Fahnen auf. Die Klänge der Stadt und der Singsang der Frauen hörten sich in meinen Ohren wie eine wunderbare, sorglose Musik an, lebendig, mutig und frei. Als würden sie auf ihrer Lebensweise bestehen, die nirgendwo anders entstehen konnte.

An der Palmengrenze prallen Kulturen aufeinander

Aber warum glaubte ich, dass ich Europa hinter mir gelassen hatte? War das nicht offensichtlich Unsinn? Natürlich gehört Neapel zu Europa, geografisch, historisch wie politisch. Erst Jahre später erkannte ich, welche Grenze ich überschritten hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dem Süden begegnet.

Was aber ist der Süden, wenn er etwas anderes ist als ein „Touristenparadies oder ein mafiöser Albtraum“? Was machte die Palmengrenze aus, wenn es sich nicht nur um klimatische Bedingungen handeln sollte? Franco Cassano erklärt die Lebensart und das Denken des Südens in dem Buch „Southern Thought and Other Essay on the Mediterranean“, das erstmals 1996 unter dem Titel „Il pensiero meridiano“ erschien.

An der Palmengrenze prallen Kulturen aufeinander, sagt Cassano. Auf der nordwestlichen Seite befindet sich die protestantische Rationalität und die Ethik des Kapitalismus. Dort lebe der Homo currens, der eilige, getriebene Mensch, der nur zu einem Anhang der ökonomischen Maschine geworden ist, die alles den Regeln des Marktfundamentalismus, des Profits und der Effizienz unterwerfe. Zum Leben hat der Homo currens keine Zeit, die Vernichtung jeder Dauer sei ihm eingeschrieben.

Das Buch ist schon etwas älter. Das muss man Cassano zugutehalten. Der eilige Mensch des Nordwestens weiß inzwischen, dass das nicht die klügste Praxis ist. Wie sonst ließe sich erklären, warum sich die halbe westliche Welt damit abrackert, Achtsamkeit, das Verweilen im Moment und Minimalismus zu erlernen. Oder zumindest die Work-Life-Balance auf die Reihe zu kriegen. Jenseits des Moments liegt die ökonomische Praxis. Da sind die, die das Hamsterrad bedienen. Wer drin war, weiß, dass es sich nicht von selbst entschleunigt. Es hört erst auf, wenn der Hamster zu erschöpft ist, um weiterzurennen. Ganz gleich, wie groß die Karotte ist, die vor der Nase baumelt.

„Wir verstehen zu arbeiten, die verstehen zu leben“

Was kann der Süden besser? Und ist es nur ein abgestandener Mythos, dass es so etwas wie eine mediterrane Vernunft gibt? Cassano, der bis zu seinem Tod in Bari lebte, glaubte an das Besondere des Südens. Gelassenheit, Langsamkeit und Kontemplation seien in den Alltag integriert. Nicht als harte Schule der Meditation unter Anleitung und mit strenger Körperhaltung, sondern wie von selbst. Die Bewunderung war den Menschen des Südens zumindest bei den Urlaubern aus dem Norden sicher.

Sogar Norditaliener müssen zugeben, dass der Süden etwas hat, was ihnen abgeht. David Gilmour beschreibt in dem Buch „Auf der Suche nach Italien“ eine Begegnung in einem Cafe mit einer Wirtin. Sie schimpfte auf die Verbrechen der Neapolitaner und räumte dann ein: „Wir verstehen zu arbeiten, aber die verstehen zu leben.“ Die Vernunft des Südens ist für den Menschen gemacht. Aber die Nordlichter brachen deshalb noch lange nicht mit den eigenen Spielregeln. Man rackerte sich ab, um einmal im Jahr das andere Leben zu genießen.

Aus Sicht des Nordwestens, schreibt Cassano, sei der Süden gleichbedeutend mit einer „rückwärts gewandten Gesellschaft und einem perversen Mix aus Elend, Repression und Aberglaube“. Scheinbar habe der Süden aus dieser Perspektive nur die eine Chance, so schnell wie möglich kulturell zum Norden zu werden und damit seine Vergangenheit und seine Lebensart auszulöschen.

Die Rückkehr der Schönheit

Cassano hielt davon natürlich wenig. Südliche Kulturen könnten den Weg aus der Krise des Westens weisen. Dem Fundamentalismus der Beschleunigung, stellt Cassano zwar keinen der Langsamkeit gegenüber. Regression zu welcher Vergangenheit auch immer ist keine Lösung für ihn. Aber er legt Wert auf die Vielseitigkeit der Perspektiven und der Kulturen. Keine Ideologie habe die Antwort auf alle Fragen und dürfe sich deshalb als Weltbeglücker aufspielen.

Deshalb wollte Cassano dem Denken des Südens seine Würde wiedergeben: „Southern thought is the thought one feels welling inside where the sea begins, where the shore interrupts all land-based fundamentalism … „. Es ist ein mittelmeerisches Denken, das durch Langsamkeit und die Bindung zum Meer bestimmt wird. Zu entschleunigen, bedeute der Welt zu danken und es ihr zu erlauben, uns zu erfüllen. Wir spüren das Leben wieder, wir atmen ruhiger. Und der Blick auf das Meer und seine scheinbare Unendlichkeit sei vor allem eine Meditation. Schließlich kehre die Schönheit zu uns zurück.

Per un giorno migliore

Wer reist, möglicherweise immer weiter nach Süden, sucht nach Lebenskunst. Jedenfalls geht es nicht darum, in einem vermeintlichen Touristenparadies an einem schönen Strand zu liegen. Zwei Wochen Urlaub reichen nicht. „Von diesen kurzen Besuchen hat man nichts als ungestillte Sehnsucht und die Empfindung der Unzulänglichkeit auf allen Seiten“, sagte Freud nach einem Urlaub in Italien.

Der Süden ist alles andere als ein Paradies. Die „Furie des Verschwindens“ wütet. Landstriche veröden, die Infrastruktur verfällt, wenn immer mehr Menschen eine Region wie die Basilikata in Süditalien verlassen. Was will man also im Süden anderes tun, als Urlaub machen? Wer ein anderes Leben führen will, muss aufbrechen. „Chi n’esce rinasce“, sagen die Sizilianer. Wer weg geht, wird wiedergeboren. Per un giorno migliore. Du kannst nicht wissen, was du findest. Vielleicht einen besseren Tag, ein besseres Leben, warum nicht im Süden?

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