Skip to main content

Himmel oder Hölle? Der Verkehr in Catania stellt dich vor die Wahl. Tatsächlich kann er beides sein. Aber es ist einfacher, wenn du die Ausfahrt Himmel wählst. Nur wie da hinkommen? Allein schon die Fahrt vom Flughafen wird spätestens zur Herausforderung, wenn es in die Innenstadt geht. Auf einer zweispurigen Straße verdichtet sich der Verkehr plötzlich, die Wagenkolonne muss durch einen Flaschenhals. Vor deinem inneren Auge siehst du unlösbare Aufgaben auf dich zukommen. Hier stehen drei Wagen nebeneinander auf zwei Spuren. Ganz eindeutig zwei Spuren, sagt der Deutsche in mir. Aber dass hier jemand die Spur hält, ist eindeutig nicht vorgesehen.

Diese Straße ist ein Höllenschlund, der uns alle verschlucken wird

Motorräder und Roller schlängeln sich in einem Affentempo zwischen den Autos durch. Der Grund kann kein anderer sein als ein intensiver Todeswunsch. Und es kann ihnen nicht schnell genug gehen. So fahren kann nur, wer ein tiefes Gottvertrauen in sich trägt oder zumindest in dem guten Glauben lebt, dass alle anderen im Verkehr genau wissen, was sie tun. Nur ein ungeschicktes Ziehen am Lenkrad, ein Augenblick der Unachtsamkeit und diese Höllenreiter steigen ab und fliegen im hohen Bogen über Motorhauben. Keine Hoffnung mehr, es war einmal – c’era una volta. Ich habe Hitzewallungen und spüre Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich schaue in den Rückspiegel. Das kann nie und nimmer gut gehen. Die Höllenreiter sind erst im letzten Moment zu sehen. Sie tauchen wie aus dem Nichts auf, schon rauschen sie an dir vorbei. Weiter, immer weiter, diese Straße ist ein Höllenschlund, der uns alle verschlucken wird.

Der Deutsche in mir spricht: Mein Leihwagen, ein nagelneuer, nachtblauer Fiat Cinquecento, ist versichert. Vollkasko. Wenigstens das. Er ist eine Schönheit, und ich bin glücklich, dass ich ihnen bekommen habe und nicht eine vergleichbare Kutsche, wie das so bei den Vermietungen so gern heißt.

“Ja, schon klar. Sie wollten einen Cinquecento, aber wir haben leider nur noch einen Polo. Wie gesagt: vergleichbar.”

Der Cinquecento ist ein Lebensgefühl

Als könnte man einen Polo mit einem Cinquecento vergleichen. Der Polo ist ein Fortbewegungsmittel, der Cinquecento ein Lebensgefühl. Und ist Pasolini etwa in einem Polo über “La Lunga Strada Di Sabbia” gereist? Natürlich nicht. Er fuhr einen Fiat Millecento: “Ganz allein, ich und mein Fiat Millecento, und der ganze Süden vor mir.” Der Millecento ist natürlich nicht so lässig wie ein Cinquecento. Seine Form sagt, ich will höher hinaus, will bürgerlich sein, sie strahlt nicht den Freiheitswillen eines Cinquecento aus.

Obwohl ich zugeben muss, dass mein Cinquecento die Form seiner Vorgänger auch nur aufnimmt und sonst ein wunderbares, modernes Auto ist. Einmal in dieser Woche wird mich ein älterer Herr, sicher schon über 80 Jahre alt, begeistert anlächeln, weil er ein Modell wie meines fährt, noch dazu in der selben Farbe. Ihn scheint das glücklich zu machen. Oder er gratuliert mir einfach zu meinem guten Geschmack. Während ich ihn freundlich grüße, stelle ich mir sein Leben vor. Wie viele der Vorläufer des Cinquecento hat er selbst besessen und ist mit ihnen durch die Sommer dieser Insel gekurvt. Was für ein glückliches Leben! Und ich kann nur hoffen, dass er es gewusst hat.

Tristesse zur Begrüßung

Überhaupt, diese Straße. Rechter Hand liegt der Hafen, ein paar Container stehen herum, einige Kräne sind zu sehen. Links fällt der Blick auf Ruinen, ein Bild der Verwahrlosung. Ehemalige Lagerhallen, davor Reklametafeln und dazwischen einige Gassen, von denen vermutet werden muss, dass sie nie glückliche Tage gesehen haben. Es sieht aus, als hätte die Apokalypse bereits stattgefunden. Vereinzelt sind Menschen zu sehen, die verloren nach einem Ausweg suchen. Ich kenne keine Stadt, die ihre Besucher mit einer derartigen Tristesse begrüßt. Wüsste man nicht, dass es lohnt weiterzufahren, wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, aufzugeben. Wenden – am besten gleich. Aber das ist unmöglich.

Im Schritttempo geht es weiter, bis sich nach einem Kreisververkehr auf Höhe der Porta Uzeda die Stadt öffnet. Ohne Navigationsgerät würde ich verzweifeln. Es geht kreuz und quer hinein. Das Hotel kann nicht mehr weit sein. Aber wo parken? Dafür habe ich nur einen Plan, es wird schon.

Halb Catania scheint im Auto zu sitzen

Es ist früher Samstagabend, der Verkehr ist enorm, halb Catania scheint im Auto zu sitzen. In Laufweite meines Hotels finde ich einen Parkplatz, aber der Ticketautomat gestattet das Parken nur bis 20 Uhr. Ich will nicht gleich am ersten Tag abgeschleppt werden. Ich fahre auf einen Parkplatz in einer Gasse in der Via Romeo. Dunkel ist es in dem heruntergekommenen Hinterhof, es sieht nicht vertrauenswürdig aus, aber der Parkwächter versucht mir mit einem Lächeln Mut zu machen. Was er mir nicht sagt, ist, dass der Parkplatz am Sonntag verriegelt sein wird. Das erfahre ich erst am nächsten Morgen, als ich vor dem verschlossenen Tor stehe.

Im Hotel frage ich später die freundliche junge Frau an der Rezeption nach den Parkautomaten und wie schnell man abgeschleppt würde. Sie antwortet mit einer wegwerfenden Handbewegung. Was so viel heißen kann, ich sollte es nicht so ernst nehmen. Oder soll ich die Strafzettel einfach wegwerfen? In einer Woche bringe ich es auf zwei Strafzettel.

Nur ein Stück Papier

Die unausgesprochenen Regeln des italienischen Verkehrs sind immer wieder ein Wunder. Sie existieren neben der Straßenverkehrsordnung, wobei ich annehme, dass es in Italien eine solche gibt, und wenn es eine gibt, kann sich das Stück Papier nicht gegen die Realität durchsetzen. Die unausgesprochenen Regeln sind immer noch in Takt. Auch nach vielen Jahren. Fußgänger sind fast wie heilige Kühe. Alle halten für Fußgänger, die über die Straßen wollen, das ist eine Selbstverständlichkeit. Keine Hupe schlägt Alarm, keine Aufregung. Es ist eine unausgesprochene Regel, und eine sehr menschenfreundliche noch dazu. Wer mag, kann das mit Berlin vergleichen. Wo Autofahrende noch in der einsamsten Straße ihr vermeintliches Vorrecht mit verzerrtem Gesicht hinter dem Lenkrad durchsetzen wollen und bereit scheinen, den Fußgänger über den Haufen zu fahren. Die Deutschen tun sich schwer mit Menschenfreundlichkeit. Sie kommt nicht aus der Seele, sie ist mühsam antrainiert.

Kiesstrand in Santa Teresa_di_Riva
Kiesstrand in Santa Teresa di Riva

Mein Satori-Moment erlebe ich an meinem dritten Tag auf Sizilien. Den ganzen Tag bin ich unterwegs gewesen. Richtung Norden ging es vorbei am Ätna bis Taormina und darüber hinaus bis zu den Kiesstränden von Santa Teresa di Riva. In dieser Jahreszeit, es ist Oktober, ist hier nichts los. Kilometerlang zieht sich der Strand, auf der anderen Seite des ionischen Meeres liegt Reggio di Calabria fast zum Greifen nah. Der Küstenstreifen gehört nicht zu den schönsten, er wirkt manchmal zugebaut und gelegentlich verlangt der Massentourismus mit Retortenbauten seinen Tribut. Der Kiesstrand ist gewöhnungsbedürftig, aber das Wasser noch warm. Aber es lohnt sich trotzdem. Auf dem Rückweg nach Catania mache ich Abstecher in die Ausläufer des Ätna zu kleinen Dörfern. Was braucht ein Mensch mehr, als morgens hier aufzuwachen mit einem Blick auf das ionische Meer und eine atemraubende Landschaft. Unten liegt die verrückte Welt, der Konsum und närrischer Verkehr.

50 Kilometer in der Hölle

Noch 50 Kilometer bis nach Catania. 50 Kilometer, die sich anfühlen wie eine Ewigkeit. Nichts geht mehr. Während die Sonne untergeht, wälzt sich eine Blechlawine Richtung Catania. Sie war nicht vorherzusehen. Stunden vorher war alles ruhig. Rote Ampeln waren kein Hindernis für die Einheimischen, jetzt stehen sie sich gegenseitig im Weg. Alles will auf diese eine Landstraße nach Catania. Und immer weiteres Blech wird von den Seitenstraßen zugeführt. Alle fahren kreuz und quer, kein Zentimeter darf verschwendet werden. Es muss weitergehen. Mein Navigationsgerät hilft auch nicht weiter. Jeder Fluchtversuch endet wieder auf dieser Straße. Füge dich in dein Schicksal!

Mein Stresslevel steigt, weil das zentimetergenaue Fahren alle Aufmerksamkeit verlangt. Links drei Zentimeter, hinten zwei, der fährt quer, bremsen, schalten, anfahren. Noch bin ich in der Hölle. Am rechten Straßenrand steht ein Auto. Eine ältere Dame kann kaum über das Lenkrad schauen. Sie sieht sich nicht um, aber sie will jetzt fahren. Und sie fährt. Sie schaut sich nicht um. Geht das gut, kann das gut gehen? Warum ausgerechnet jetzt, da ich neben ihr stehe? Die Beulen an ihrem Kotflügel verheißen nichts Gutes. Ich hupe. Zum ersten Mal in dieser Woche, aber nicht zum letzten Mal. Ihre Gestik sagt, das wird schon, und wenn nicht, was solls. Sie meint es ernst, sie fährt, es geht um Zentimeter. Ausweichen unmöglich. Füge dich in dein Schicksal!

Endlich Erlösung!

Das Wunder geschieht, ihr Wagen schiebt sich auf die Straße, kein Kreischen des Blechs, kein Kratzen des Lacks. Es ist gut gegangen. In mir erhebt sich ein dröhnendes Gelächter, ich bin frei, von einem Moment auf den anderen aus der Hölle direkt in den Himmel. Mein Urvertrauen ist wieder hergestellt. In den Tagen darauf fahre ich wie von selbst, gelassen und glücklich und genieße das lebendige Chaos auf den Straßen.