Skip to main content

“Das ist meine Lieblingskirche”, sagt der Brite neben mir. Ich nicke, ich verstehe, was er meint. Diese Kirche unter freiem Himmel verzichtet auf jeden Prunk. Nur ein paar weiße Plastikstühle stehen in Reihen vor einem einfachen Altarbild. Dabei hat die Chiesa di San Giovanello so gut wie alles, was eine Kirche gemeinhin zu bieten hat. Drei Kirchenschiffe durch Arkaden getrennt, nur eben kein Dach.

Wenn du durch Italien reist, dann weißt du, dass du immer eine Kirche findest, wenn du eine suchst. Meistens hast du es nicht weit. Dazu kommen die unzähligen Heiligen, die vor allem denkbaren Unbill schützen können, du musst nur an sie glauben. In Italien, gerade im Süden, ist die Welt der Götter zumindest im Straßenbild noch lebendig. Sie ist voller Geschichten und menschlicher Tragödien, über die sich wenige erhoben, um sie zu überstehen oder zu überwinden. Es ist eine hoffnungsvolle Welt. Es ist es nie zu spät für eine Rettung aus höchster Not.

Schlicht, aber wie wie ein großes Kunstwerk

Italien ist aber auch das Land der Orte, die dich in ihren Bann ziehen. Orte, die wie große Kunstwerke sind, die dich festhalten, beruhigen und dich dabei den Atem der Jahrhunderte spüren lassen. Kein Grund zur Hetze, die Zeit vergeht schnell, auch ohne dass du wie ein Bekloppter von hier da rennst, um dich für dieses oder jenes einspannen zu lassen.

Meist stößt du auf solche Orte zufällig. Sie sind nicht so bekannt, dass sie in jedem Reiseführer zu finden sind oder auch nur annähernd gewürdigt werden. Ihre Geschichte allein begründet ihren Zauber nicht. Wenn ich es erklären müsste, würde ich sagen, sie existieren jenseits der Zeit. Es muss auch nicht immer ein Bauwerk sein. Manchmal ist eine Bucht oder nur ein Hügel, die die Welt durch ihre Existenz verändern. Sie sprechen auf ihre Weise. Diese kleine Kirche ohne Dach auf der Halbinsel Ortigia in Sizilien gehört dazu. Allein deswegen lohnt das Reisen.

Während ein leichter Regen niederging, schwiegen der Brite und ich ein paar Minuten miteinander. Als wir uns verabschiedeten, wussten wir beide, dass wir wiederkehren würden.

 

Versteckt in einer kleinen Ecke auf der Halbinsel Ortigia: die Kirche ohne Dach
Versteckt in einer kleinen Ecke auf der Halbinsel Ortigia: die Kirche ohne Dach