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B isher habe ich den Ätna nur aus der Ferne beäugt.
Ein riesiger Berg, ein Gigant, der über der Ostküste Siziliens thront.
Hebst du den Blick von der Küste oder von Catania weisst du, wer hier das Sagen hat. Von seiner Gnade hängt ab, ob nicht schon morgen alles unter Schutt und Asche begraben ist.

An diesem Oktobermorgen taste ich mich zum ersten Mal an den Ätna heran. Kein Gipfelsturm ist geplant, es ist nur eine respektvolle Annäherung an einen Riesen. Ich höre auf alten Rat, den schon Goethe bekam: “Überhaupt, die hier ankommenden Fremden sehen die Sache für allzu leicht an; wir andern Nachbarn des Berges sind schon zufrieden, wenn wir ein paarmal in unserm Leben die beste Gelegenheit abgepaßt und den Gipfel erreicht haben.”

Der Gipfel des Ätna liegt in einer Höhe von inzwischen 3357 Metern. Der Ätna wächst. Das hat zumindest das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) im Jahr 2021 festgestellt. Nach Ausbrüchen soll der Südost-Krater die Nordost-Seite überflügelt haben. An klaren Tagen kannst du den Gipfel aus einer Entfernung von mehr als 100 Kilometern sehen. Seine Oberfläche bedeckt rund 1200 Quadratkilometer. Ein Gigant.

Eine Fumarole bestäubt den blauen Himmel

Ich verlasse Catania gegen 10 Uhr. Richtung Norden. Das Wetter ist gut hier unten, die Sonne scheint. Auf der Fahrt blicke ich hinauf. Der Ätna pafft vor sich hin, seine Fumarole bestäubt blauen Himmel. Nur auf dem Bergrücken liegt eine Wolkenschicht. Wie ein freundlicher Hinweis auf das Unberechenbare. Das Wetter in den Bergen, das weiß jedes Kind, kann schnell umschlagen. Der Ätna macht da keine Ausnahme.

Auf Meereshöhe ist alles eitel Sonnenschein. An der Küste geht es entlang bis nach Giarre. Ein letzter Blick zum Gipfel und ich biege nach links ab. Es dauert nicht lange, dann geht es bergauf. Serpentinen schlängeln sich am Fuß des Ätna durch einen Garten Eden. Die mediterrane Zone, so nennen sie Pflanzenkundler. Angesichts dieses Willens zum Wachstum stockt mir kurz der Atem.

Hätte die europäische Filmindustrie einen ähnlich großen Hunger nach Katastrophenfilmen wie Hollywood, dann könnte am Ätna der Untergang der Welt beginnen. Er wäre eine formidable Kulisse. Und wie idyllisch wäre der Anfang dieses Filmes.

Ganz in der Nähe soll der älteste Baum Europas stehen. Die Fachschaft, die das festgestellt haben will, nennt sich Dendrologen. Man lernt nie aus. Dendrologen betreiben die Lehre von den Bäumen und Gehölzen. Jedenfalls halten einige von ihnen eine alte Kastanie, die in der Nähe von Sant’Alfio auf etwa 700 Metern Höhe gedeiht, für älter als jeden anderen Baum Europas. Es ist möglich, dass darüber unter Dendrologen gestritten wird, aber wer will es schon so genau wissen. Jedenfalls trägt sie den Namen “Kastanie der hundert Pferde”, weil eine Königin einst mit einer Gruppe von Reitern vor einem Unwetter unter ihr Schutz gesucht haben soll. Das Wetter ist noch gut, deshalb verschiebe ich den Besuch.

Mein Tagesziel ist Piano Provenzana, eine ehemalige Skistation auf etwa 1800 Metern Höhe. Vor 20 Jahren hat sich hier ein Drama abgespielt.

Aus einer Flanke des Ätna brach am 26. Oktober 2002 Lava hervor. Die Eruptionen dauerten monatelang, zerstörten das Skigebiet und überspülten ein Hotel. Piano Provenzana an der Nordseite des Ätna soll der ideale Ort sein, um die Macht des Vulkans zu verstehen.

Bis dahin sind es noch einige Serpentinen. Ich habe die Wolken erreicht. Nebelschwaden ziehen über die Windschutzscheibe. Lavafelder pflügen wie dunkelgraue Zungen über die Hänge und durch die Vegetation. Es ist eine unwirkliche Welt. Ein Lied aus uralten Zeiten. Noch keine Spur von Menschen.

Lavazunge am Ätna

Bergauf, bergauf. Nach einen paar hundert Höhenmetern lasse ich Nebel und Wolken hinter mir. In den Wäldern aus Kiefern, Birken und Buchen neben der Straße sehe ich vereinzelt Menschen umherstreifen. Sie tragen Körbe und suchen Pilze. Es ist Oktober. Pilzsaison.

Es dauert noch eine halbe Stunde, bis ich Piano Provenzana erreiche. Schwarze Lavafelder umgeben die Station. Kaum vorstellbar, wie unaufhaltsam die Lava sich ihren Weg vor gut 20 Jahren gebahnt hat. Ein Naturereignis, dem der Mensch seinen Willen nicht aufzwingen kann. Monatelang hielt der Ätna die Bewohner der Region in Atem. Catania kämpfte mit dem Ascheregen, der tonnenschwer auf den Dächern lag und Abflüsse verstopfte. Die Menschen schützten sich mit Regenschirmen und Atemmasken.

Der Ausbruch von 2002 hat schon damals die Katastrophenfantasie der Vulkanologen angeregt. Weil die Eruptionen so heftig waren, befürchteten einige, dass der Ätna seine Gutmütigkeit ablegen und zu einem explosiven Vulkan werden könnte. Im schlimmsten Szenario käme der ganze Berg ins Rutschen. “Große Teile der Nordostseite des Vulkans sind um etwa einen Meter in Richtung Meer verschoben worden”, berichtete ein Wissenschaftler von der Universität Catania damals dem Spiegel. “Aber wenn größere Teile des Berges ins Rutschen geraten, wäre eine Katastrophe möglich. Heute wäre ein solches Abrutschen die größte anzunehmende Katastrophe.” Als der Vulkan sich wieder schlafen legte, soll sich der Osthang bis um zwei Meter nach unten verschoben haben.

Noch steht der Ätna. Ich besorge mir einen Kaffee in einer der kleinen Hütten, die neben Souvenirs auch etwas zu essen verspricht. Aber es ist nichts da, sagt der Mann hinter seiner Kasse mit Augen, die, wenn sie sprechen könnten, meinen: Es liegt nicht an mir.

Die Station Piano Provenzana am Ätna

Eine gezeichnete Landschaft

Kann man nichts machen, statt Panini also nur Kaffee. In meinem Rucksack ist noch Proviant. In Piano Provenzana gibt es Jeep- und Bustouren, die bis hinauf an den Gipfel führen. Auch Bergführer bieten ihre Hilfe an. Aber ich will mir Zeit lassen und wandern.

Das wird schon nach zwanzig Minuten bestraft. Ich bin auf dem falschen Weg und muss umdrehen. Es hilft, wenn man sich Zeit nimmt und die Karte richtig liest. Jetzt sollte die Richtung stimmen. Kurs Monte Nero. Kaum habe ich den ersten Kamm erreicht, wird die Landschaft surreal. Sanft geschwungene Hügel und Baumleichen im schwarzen Nichts. Einst müssen sie Blätter getragen haben. Andere kleine Exemplare bemühen sich, den Verlust wettzumachen. Sie wachsen, sie tragen Blätter in dieser unwirtlichen Landschaft.

Bergauf. Geröll und Lavaperlen, die bei jedem Schritt unter den Schuhen knarzen. Ich ringe nach Luft und beneide die Drei, die mit einem Mountainbike unterwegs sind. Wenigstens bis zur nächsten Kurve, als sie auch vom Rad müssen. Zu steil.

Blick auf den Ätna

Ich habe den Gipfel des Ätnas im Blick. Er tut, was er immer tut. Er sieht beeindruckend aus. Unter ihm eine magische Landschaft in Farben, die du so noch nie gesehen hast. Wenn du dich umdrehst, reicht der Blick bis nach Messina.

Noch ein bisschen weiter hinauf. Ein Schild sagt mir, dass ich fast auf 2400 Metern Höhe sein soll. Ich kann es kaum glauben. So weit oben, dabei sieht der Gipfel unerreichbar aus. Und es gibt eine Warnung. Ohne Bergführer weiterzugehen, sei verboten.

Nicht weiter, also. Und liegt der Monte Nero nicht auf einer Höhe von etwa 2000 Metern. Habe ich mich schon wieder verlaufen?  Ich drehe um. Später weiß ich, dass ich am Monte Nero war. Und dass ich eine Bottoniera an seiner Ostflanke gesehen habe. Bottoniera heißt Knopflochleiste.  Es ist eine Reihe von angeblich kleinen Kratern, die immer noch so tief sind, dass dir an ihrem Rand schwindlig werden kann.