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Was hers a dream of empire? was it sin?
And is it well that all was borne in vain?
She knows no more than one who slow doth win,
After fierce fever, conscious life again,
Too tired, too weak, too sad,
By the new light to be or stirred or glad.

– Emma Lazarus, The South

"Wer in den Süden reist"

Eine Eskapade, eine Flucht aus Berlin, führte mich nach Sizilien. In einem kleinen Fischerdorf namens Sant’Elia übte ich mich in einem einfachen, aber doch annähernd vollständigen Glück. Ich legte mich auf das Tyrrhenische Meer, das mich ohne zu murren trug, den Körper von seiner Last und den Zipperlein befreite, die sich im Laufe der Jahre angehäuft hatten. Über dir nichts weiter als der Himmel, dazu das Säuseln von Wind und Wellen und dort oben auf dem Plateau eines Hügels, das „kleine Pompeji“ Siziliens – Solunt.

Dieser Zustand der Schwerelosigkeit erschien mir in diesen Tagen als eine logische Konsequenz meines bisherigen Lebens. Das Problematische hatte ich hinter mir gelassen. Ich war im Süden, so frei wie seit Jahren nicht.

“Wer in den Süden reist, sucht die Zerstreuung, wer in den Norden reist, sucht sich selbst”, schrieb Roger Willemsen in “Unterwegs”, um deutlich zu machen, warum er den Norden, den kalten, jederzeit dem Süden vorziehe. Vorerst sah ich keinen Grund ihm zu widersprechen. Ich war und bin nicht auf der Suche nach mir selbst, sondern nach geglückten Momenten. Natürlich haben mich manche Leute unter Verdacht gestellt, vor der Abreise als auch bei einigen Begegnungen hier. Er ist auf einem “Selbstfindungstrip”. Sowas in der Art, es klang fast mitleidig, die “arme Sau”.

Da ich kaum herkömmliche Reiseführer lese, schon gar nicht, bevor ich einen Ort das erste Mal besuche, hatte ich so gut wie keine Vorstellung von der näheren Umgebung. Wenn ich mit meinem Peugeot die Landschaft erkundete, war alles neu. Alles wirkte unvermittelt auf mich.

Und welche Momente bekam ich geschenkt, wenn meine Seele, sollte es sie geben, ganz ohne Vorwarnung in die Höhe sprang. Seien es auch nur biochemische Prozesse, es war mir gleich, es wirkte.

Ein schlichter Wegweiser am Straßenrand

Wann immer ich von meinen Ausflügen zurückkehrte, fiel mein Blick kurz vor Ortseinfahrt nach Sant’Elia auf einen schlichten Wegweiser am Straßenrand: Solunto. Er machte nicht viel her. Nach gut einer Woche beschloss ich an einem Nachmittag den Abzweig zu nehmen. Der Weg führte steil bergan, über Serpentinen ging es auf den Monte Catalfano.

Ich erreichte den Archäologischen Park und verhandelte kurz mit einem Mann in seinem Kassenhäuschen über die Höhe des Eintritts. Ihm fehlte das Wechselgeld. Nachdem er vorbildlich in seinen privaten Taschen und Börsen gekramt hatte, erließ ich es ihm und er wandte sich gleichmütig wieder in seinem Handy zu. Wir müssen alle durchs Leben kommen.

In dem kleinen Museum mit dem Namen Antiquarium begegneten mir drei Damen. Freundlich klärten sie mich auf über den Ort und die Fundstätte und versorgten mich mit Papieren und einem Plan. Ich stieg weiter hinauf auf diesen Berg, wusste aber immer noch nicht, was ich zu erwarten hätte.

Kaum wandelte ich auf der Via Dell’Agora, vorbei an alten Steinen, die einmal Thermen, Läden oder ein Theater gewesen sein sollen, wurde mir klar – wer Solunt erdacht hat, war ein Genie. Und wenn es mehrere Menschen waren, die eines schönen Tages auf die Idee kamen, sich hier anzusiedeln, können wir den Plural benutzen.

Ich schreibe nicht ihre Geschichte, weil weder Archäologe noch sonst tief genug bewandert in den Details und Wendungen der antiken Geschichte. Und wer weiß es schon genau.

Nicht einmal gefallene Engel

Es wäre allerdings ein schöner Stoff. Wie diese Menschen vor etwa 2400 oder sogar 2700 Jahren lebten auf einem Hügel, keine 400 Meter hoch, an der Küste Siziliens. Rom oder unsere Vorstellung davon hatte gerade erst das Licht der Welt erblickt, als Solunt entstanden sein soll.

Der Blick auf Land und das Meer unter ihnen muss ihnen jeden Morgen ihr Glück vor Augen geführt und vielleicht auch den Glauben an alle vorstellbaren Götter bekräftigt haben, die helfen würden, diesen Tag zu meistern, wissend, dass sie nur Menschen waren und keine Götter, Sterbliche, nicht einmal gefallene Engel.

Orte sind Stimmungen, Atmosphären. So subjektiv sie sein mögen, sie verraten mehr über einen Ort als jedes belesene Wissen, deren Quellen so vielfältig und willkürlich sein können und deren Überprüfung die Arbeit von Wissenschaftlern ist, nicht aber die eines Reisenden oder, besser gesagt, eines Flüchtenden.

Ich habe keine Ahnung, wer diese Menschen waren, aber ich bewundere sie. Vermutlich waren sie nicht besser als wir. Doch wer will ausschließen, dass sie auf diesem Hügel nicht doch eine friedliche Welt wollten.

Die Geschichte des antiken Solunt ist wie die Geschichte der Welt eine kriegerische. Manche Experten sprechen Solunt einen phönizischen Ursprung zu, aber selbst das scheint archäologisch nicht belastbar bewiesen zu sein. Dionysios I, von dem ich schon gehört hatte, machte Solunt 397 v. Chr. dem Erdboden gleich. Griechische Söldner sollen nach dem Wiederaufbau in Solunt heimisch geworden sein, bis Rom im Ersten Römischen Krieg das Kommando übernahm. Das sind Details. Ich bewundere die Siedler von Solunt, weil sie einen Ort wählten, an dem es lohnt, ein kurzes Leben zu verbringen. Wo und mit wem lässt sich ein neues Solunt errichten?

Träumt von Solunt, vom Mut, den Göttern und der Liebe, den einfachen Dingen und diesem Panorama. Vergesst die Gegenwart, träumt von Solunt.

Wie du nach Solunt kommst

Von Palermo führt der schönste Weg über die SS113. Sie verläuft Richtung Osten entlang der nördlichen Küste Siziliens und dem Tyrrhenischen Meer.

Kurz vor Ficarazzi verlassen wir die SS113 und biegen links ab auf die Via Liberta ab, die uns direkt zum Meer führt. Auf der Küstenstraße (Viale Europa und dem Corso Italia) kommen wir nach Aspra mit einer schönen Lungomare zum Flanieren.

Hinter Aspra beginnt der Anstieg zum Kap Zafferano. Eine wahrhaft klassische Landschaft wartet mit teilweise spektakulären Aussichten. Die Kilometer bis nach Sant’Elia sind zum Verlieben.

Sant’Elia und Porticello lassen wir links liegen und biegen an der vorletzten Kreuzung der Via Giovanne Falcone nachs rechts. Nun geht es nur noch bergauf bis zum Belvedere und zum Antiquarium.

Die gesamte Strecke von Palermo nach Solunt beträgt etwa 25 Kilometer und die Fahrt dauert normalerweise etwa 30-40 Minuten.