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“You have to pick the places you don’t walk away from.” – Joan Didion

 

“Ich atme”, sagte sie.
Das war ihre Antwort auf meine Frage, wie sie mit der Hitze im sizilianischen Sommer umgehe.

Das ist eine Geschichte über Hitze. Wie schreibt man eine Geschichte über Hitze? Du musst dahin, wo es heiß ist, wirklich heiß werden kann. In den Süden. Nach Sizilien.

Ich hätte nach Kalifornien ins Death Valley reisen können. Auf der Furnace Creek Ranch sollen am 10. Juli 1913 56,7 Grad Celsius oder 134 Grad Fahrenheit gemessen worden sein. Das gilt als weltweiter Hitzerekord. Für Deutschland nennt der Deutsche Wetterdienst 41,2 Grad Celsius.

Aber ich hatte mich für Sizilien entschieden. Wie fühlen sich mehr als 40 Grad an? Bislang hatte ich noch keine längere Periode von mehr als 40 Grad erlebt. Ich wollte es auf der eigenen Haut spüren und nicht nur in der Zeitung darüber lesen. Es stellte sich heraus, dass es nicht einfach ist, die Rolle des Zuschauers aus sicherer Distanz aufzugeben. Es ist ein Sprung, der nur in der radikalsten Form denkbar ist.

Je weiter ich nach Süden kam, desto öfter fragte ich Menschen, wie sie mit der Hitze umgehen. Ich wollte mir etwas abschauen, ich wollte nicht ganz naiv sein. In Villa San Giovanni machte eine Dame von mehr als 80 Jahren eine wegwerfende Handbewegung. Es gebe das Meer vor der Tür. Es war Mitte Mai. Die Sommerhitze war demnach ein zu vernachlässigendes Problem. Nichts, was einem Angst machen musste.

Anfang Juni war ich in Syrakus. Der Sommer kam, nachdem der Mai dieses Jahres für italienische und sizilianische Verhältnisse regnerisch gewesen war. In Italien hatte es schwere Unwetter und Überschwemmungen gegeben. Städte standen unter Wasser, Menschen starben, Schäden in enormer Höhe wurden gemeldet und mit dem Hinweis auf den Klimawandel ging wie immer eine Art Fassungslosigkeit einher, wenn die Ereignisse, die seit Jahrzehnten vorhersagt worden waren, wirklich eintraten.

Das wird passieren, so wird es kommen. Und so kommt es dann.

Nichts daran ist neu oder unvorhersehbar. Extremes Wetter, extreme Hitze. Die Zahl der heißen Tage, die das gewohnte Maß deutlich überschreiten, wird sich bis Ende des Jahrhunderts vervielfachen. Je nach Szenario könnten dann in Südeuropa statt 10 40 bis 60 Hitzewellen-Tage pro Jahr die Grenzen der Anpassungsfähigkeit testen.

Zunächst wurde es in Syrakus nur warm. Die Temperaturen stiegen bis Mitte der 30er, der Mairegen verabschiedete sich, die Mittagssonne begann zu brennen. Mitte Juni schaltete ich zum ersten Mal die Klimaanlage ein, um das Schlafzimmer zu kühlen.

„Ich wollte diesen Sommer stehlen“

Auf den Straßen wurden die Kleider leichter und ich, der ich in Berlin so gut wie nie kurze Hosen getragen hatte, gewöhnte mich an meine abgeschnittene Jeans. Aus ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, lassen sich kurze Hosen sehr viel besser tragen, wenn du braune Beine hast. Sogar Füße sind gebräunt auf einmal schön und strahlen eine Art Gelassenheit aus. Es ist so, als wollten sie sagen, es wird schon, reg‘ dich nicht auf.

In Berlin hingegen, nach üblen Wintern ohne eine Spur von Licht (oder nichts, was ich Licht nennen würde), gibt es ein seltsames Phänomen. Bei den ersten Sonnenstrahlen im März, bei 15 oder 16 Grad, gehen junge Frauen in Flip-Flops einkaufen, als sei Kreuzberg an der Cote d’Azur. Ein modischer Protest gegen die Länge des Berliner Winters.

Es soll heißen: Stopp, hier ist etwas schiefgelaufen, es muss ein Irrtum vorliegen. Ich bin am falschen Ort. Ich muss in einer Welt leben, in der es nach den 15 Grad Anfang März täglich wärmer wird. Dass daran kein Zweifel besteht. Well, you wished.

Für mich hieß das Gegenmittel sizilianische Hitze. Sommer ist in Berlin auch mehr Zufall, nicht vorhersagbar und unverlässlich. Ich wollte flirrendes Licht, eine Siesta am Nachmittag und lange Nächte bis weit nach Mitternacht. Ich wollte wissen, ob die Hitze jeden Gedanken im Hirn abtötet, noch bevor das Bewusstsein eine Ahnung davon hat. Ich wollte diese Leere, ein wunderbares Nichts mit Blick auf glitzerndes Meer in der Mittagssonne. Ich wollte diesen Sommer stehlen.

Die Schmerzgrenze kam näher

Es dauerte ein paar Tage, bis sich mein Körper an die täglich mehr als 30 Grad und an die Mittagshitze gewöhnt hatte. Im Vergleich zu anderen Fragen, die mich beschäftigten, war die Wärme kein Problem. Die Dame aus San Villa Giovanni hatte recht. Es gab das Meer. Fast jeden Nachmittag verbrachte ich ein paar Stunden an einem kleinen Sandstrand in Ortigia, schwamm und las und versuchte, so wenig wie möglich zu denken oder zumindest mein altes Denken loszuwerden. Ich wusste nicht viel, aber ich wusste, dass mir mein altes Denken nicht helfen würde, meine verbleibende Zeit zu einer annehmbaren zu machen.

Erst im Juli in Catania kam sie langsam näher, die vermeintliche Schmerzgrenze von über 40 Grad.

Abendstimmung in Catania

Sommer unter dem Vulkan

In Catania hatte man mir nach drei Tagen mein Auto aufgebrochen und die kleine Scheibe des Seitenfensters zertrümmert. Es war ein sinnloses Unterfangen, denn in dem Wagen war nichts, was sich zu stehlen lohnte.

Jetzt saß ich in der Reparaturwerkstatt und plauderte über Catania und das Leben mit einer Frau von vielleicht 35 Jahren. Sie schmiss das Büro nebenbei, während wir darauf warteten, dass die Scheibe aus einer anderen Werkstatt hergebracht wurde. Wir sprachen über das Glück und das Unglück in Sizilien leben zu können – ich über das Glück, weil ich es ja ganz großartig fand hier unter dem Vulkan und es auch allen immer gleich mitteilte. Ich legte Wert darauf, dass ich darin ein Glück sah, sie war sich nicht so sicher. Es sei schön hier, aber die Leute.

Ich spielte den Vorteil des Fremden, des Reisenden, des Neugierigen aus. Er hat keine Ahnung, er kann die Abgründe des Sozialen und die Pathologien des Alltags nicht durchdringen. Ich überbrückte die Distanz, in dem ich bereit war zuzuhören. Ich fragte jede und jeden, der nicht schnell genug weg war, wie es gehe und wie das Leben hier so sei. Die meisten spürten, dass es keine Floskel war.

In meinem Fall war es einfach. Ich war begeistert. Ich erklärte allen, die es hören wollten, dass ich keinesfalls zurück nach Berlin wollte. Was eine gewagte Wette war. Manchmal auch total übertrieben. Wo kommt der denn jetzt her? Was soll denn diese Begeisterung, das ist nicht nur schön hier und leicht schon gar nicht! Das Lebensgefühl, das mich so sehr für diese Stadt eingenommen hatte, war in diesen Julitagen nicht so leichtlebig, wie ich es erinnerte.

Ein Crescendo an Hitze

Aber ich war in diesem Zustand. Zum Sterben blieb noch Zeit genug. Warum jetzt schon Trübal blasen?

Ich begeisterte mich für den Sommer, das Meer, die Landschaft, den Vulkan, Catania und die Leute. Manche beäugten mich. Was für ein komischer Vogel! Welche Macke hat der? So geht doch keiner durchs Leben. So als sei alles neu. Manchmal brauchte ich einen zweiten Anlauf.

Begeisterung. Schönheit, das war Teil des Plans. Solange wie möglich wollte ich mir die Begeisterung erhalten. Den kritischen Blick nicht zu ernst zu nehmen. Im Offenen bleiben, fragen und zuhören. Alles Urteilen verschob ich. Ich musste nicht kategorisieren. Ich hatte keinen journalistischen oder wissenschaftlichen Auftrag, ich folgte einem Gefühl.

Dann sprache ich sie auf die Hitze an, die kommen sollte. Es war Dienstagnachmittag, vielleicht 36 oder 37 Grad.

Am Freitag werden es mehr als 40, sagte ich.

Sag’ mir das nicht, stöhnte sie. Ich will es nicht wissen. Es ist schrecklich.

Nach dem Zwischenfall mit dem Auto zeigte ich mich einsichtig. Ich hatte gepokert. Es war keine gute Idee, einen Wagen mit deutschem Kennzeichen in dieser Gegend zu parken. Um mich vor weiteren Einbrüchen zu schützen, brachte ich den Peugeot zu einem bewachten Parkplatz. 20 Euro am Tag, wenn du Pech hast 25. Aber hier waren sie freundlich, es war um die Ecke, und sie ließen mit sich über den Preis reden. Einen jungen Kerl, der dort arbeitete, fragte ich, wie er mit der kommenden Hitze umgehe?

Ich habe keine Ahnung, lachte er.

Er gab keine weitere Erklärung ab. Du fügst dich in dein Schicksal und machst dir nicht zu viele Sorgen.

Andere schimpften schon Tage vor der großen Hitze. Sie hatten die Wettervorhersage gelesen. Der Mann mit seinen Orangen auf der Via Etnea fluchte lautstark vor sich hin. Er sprach zu niemandem. Er ließ nur seinen Ärger ab. 45 Grad – was für eine Scheiße. Das habe er ja noch nie erlebt, und er habe schon viel Scheiße in seinem Leben gesehen. Zwei Minuten dauerte die Tirade, die am Gleichmut der Menschen, die die Via Etnea hinunterschlenderten, zerschellte. Dann presste er weiter Orangen aus. Es sollte noch heißer werden, als er befürchtet hatte.

In einem Laden sagte mir der Verkäufer, 42 oder 43 Grad, die gebe es im Juli immer an ein paar Tagen. Mehr eigentlich nicht. Als die Hitze vorbei war, meinte er, an solche Temperaturen könne er sich zu seinen Lebzeiten nicht erinnern.

Dann war sie da. Ein Crescendo an Hitze. Tag für Tag ein paar Grad mehr. Irgendwo in Europa brannte es schon. In meiner Wohnung lief die Klimaanlage rund um die Uhr.

Tagsüber hielt ich mich kaum mehr als eine Stunde draußen auf. Am frühen Abend gegen 17 Uhr ging ich schwimmen in das Bad um die Ecke und bewunderte die Seelenruhe dieser Menschen, die hier den Sommer an sich vorbeiziehen ließen. Sie waren Experten in Sachen Sommer. Damen spielten jeden Tag im Schatten Karten. Andere lasen unter blauweißen Sonnenschirmen. Es war ein kleines Paradies auf den Vulkanfelsen in der Nähe des Bahnhofs und davor das Meer.

Che freschezza! Das war der Ruf von Menschen, die sich abkühlten nach einem Tag in der Stadt. Ein einfaches Glück, nicht mehr als ein Pausenzeichen für das sich angekündigende Unheil. Hitze hin oder her. Im Moment genügte es.

Blick aufs Meer in Catania

Spät am Abend ging ich essen. Es war erträglich, ich könnte so ein Leben hier führen. Ich brauchte mich nicht aufregen. Morgens ein paar Stunden arbeiten, eine kleine Siesta, dann um drei Ecken zum Bad laufen, abtauchen, schwimmen und lesen und auf dem Rückweg an der Straße frisches Obst kaufen, das in Körben für zwei Euro gereicht wurde und nach Berliner Maßstäben so gut wie geschenkt war. Warum nicht so?

Aber dieser Mittwoch war anders. Um die Mittagszeit nahm ich ein dümmliches Video vom Blick in den wunderschönen Garten auf und schrieb die Temperatur darauf. Kein Problem sollte das heißen, alles ruhig, erträglich, aushaltbar. Ich kam mir zynisch vor, als ich das Video in meiner Instagram-Story postete. Es war schön, das Grün des Efeus und Blüten einer Lampionblume wiegten sich sanft im Wind, es waren Bilder der perfekten Idylle mit einer Art Preisschild darauf – 47 Grad.

Ein Zeitzeichen, von dem ich nicht wusste, was ich davon halten oder damit sagen wollte. Da draußen ein kleines Paradies, nur heiß, sehr heiß. Ich postete das Video trotzdem. Seht her, gnadenlose Hitze, die Welt geht unter, aber ich lebe noch.

Als ich drei Stunden später das Fenster öffnete, konnte ich den Rauch riechen, der von der Feuern rund um Catania in die Stadt getrieben wurde. Ich schaltete den Fernseher ein. Sizilien brannte, die Hügel rund um Palermo standen in Flammen, Menschen verloren ihr Zuhause, manche ihr Leben. Mein Nachbar hielt es für Brandstiftung. Es sei nicht allein das Klima. Vielleicht hatte er recht.

Das hätte ich alles wissen können, wenn ich nicht auf radikaler Mediendiät gewesen wäre. Meine Medien waren das, was ich sah, und die Fragen an die Menschen auf der Straße, Gespräche mit Männern und Frauen in Bars und der Tabaccheria.

47 Grad. 47 Grad. In Berlin stellte ich mir das unerträglich vor. Wie viele Tage könnte ich hier davon aushalten? Wann würde mich die Hitze in Apathie versetzen, in ein nur noch vegetierendes Wesen, das um Vergebung winselt und bereit ist das Ende hinzunehmen? Wie oft fände ich es schön, in dem wunderbaren Hinterhof um die gegen Mitternacht zu speisen, Wein und Wasser zu trinken, wissend, dass die Kellner nicht so richtig zufrieden sind mit ihrer Tätigkeit. Könnte ich daraus ein Leben machen?

Im Juli in Catania dachte ich, ich könnte es. Die Gluthitze hielt nur eine Woche. Schon nach dem Feuertag fiel das Thermometer unter die 40-Grad-Marke. Die Brände um Catania waren unter Kontrolle. Das Meer und die Stadt unter dem Vulkan erschienen mir als die Zuflucht, nach der ich gesucht hatte. Ein Ort, vor dem ich nicht weglaufen wollte.