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And round the tent of God like lambs we joy” – William Blake

 

Sogar Marlon Brando war in Sizilien glücklich. Seine Rede vom Glück oder ein paar glücklichen Stunden beginnt mit dem Hinweis auf das Unglück: “… womit ich nicht sagen will, ich sei nur unglücklich.”

Vom Glück sprechen ist immer eine Zumutung. Glück ist subjektiv, das Glück ist nicht gerecht verteilt. Die Fähigkeit, Glück zu empfinden, scheint das noch weniger zu sein. Es gibt eine Anleitung zum Unglücklichsein, die ironisch gemeint ist. Oder einen philosophischen Diskurs, der durch die Jahrhunderte geistert und uns nach Neigung Anhaltspunkte liefert. Daraus kannst du dich bedienen, je nachdem, was am besten zu dir passt.

„Verrat an der Freude“

Dann besteht die Aufgabe darin, dieses Lebensglück irgendwie mit der Realität, der Umwelt und den Mitmenschen in Einklang zu bringen. Oder eben das gar nicht erst zu versuchen. Es könnte sich als unlösbare Aufgabe erweisen. Wessen Glücksfähigkeit nicht besonders stark ausgeprägt ist, bemüht sich darum, anderen das Glück zu verderben. Verdrießen ist auch ein schönes Wort dafür. Oder den Versuch, sich auf die Suche nach dem Glück zu machen, gleich ganz auszureden. Letzteres halte ich für Unsinn, diese Glücksfeindschaft, aber was weiß ich schon.

Glück scheint manchen vor allem das Ergebnis harter Arbeit zu sein. “Der Verrat an der Freude beginnt mit Kant”, schrieb Max Scheler einmal. Was mit den Vorstellungen zusammenhängen mag, die sich der Mensch von der Welt macht. “Nicht was die Dinge objektiv und wirklich sind, sondern was sie für uns, in unserer Auffassung, sind, macht uns glücklich oder unglücklich”, notierte Schopenhauer abgeklärt.

Die Sache mit dem Glück

Womit ich sagen will, dass dieser Diskurs über die Suche nach dem Glück und die unendlichen Ratgeber, die es zu diesem Thema gibt, lustig ist oder zumindest sein kann. Die Sache mit dem Glück zu ernst zu nehmen, ist kein guter Rat. Das ist meine subjektive Meinung, das hat nichts mit Wahrheit zu tun. Für das Glück ist jeder selber zuständig.

Ob du Glück lernen kannst, weiß ich nicht, aber du kannst und solltest es versuchen. Glücklich sein ist nach meiner Erfahrung schöner als unglücklich. Obwohl, Stunden wunderbaren Unglücks können aufgrund ihrer Intensität so schmerzvoll sein, dass du dich im Nachhinein noch darin erinnern kannst. Ah, was war ich schön unglücklich in dieser Zeit! Vielleicht waren es Stunden wahrer Empfindung, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders hoch. Aber was weiß ich schon?

“Wie? Haben Sie etwas gesagt?“

“Na egal, es war im April, ich war auf Sizilien, und ich ging allein spazieren. Ich legte mich auf eine Wiese voller Blumen, schlief ein. Das hat mich glücklich gemacht. In diesem Moment war ich glücklich. Wie? Haben Sie etwas gesagt?”

Das sagt Brando. Er lässt sich in die sizilianische Landschaft sinken, schläft ein und nennt das Glück. Du würdest gerne mehr darüber erfahren, aber leider führt Brando das nicht weiter aus, warum er dort glücklich war. Brando war vermutlich zu gewieft, in solche Fallen zu tappen und sich zu erklären. So können wir nur rätseln, was ihn glücklich machte. Vielleicht war es Geborgenheit in der Natur.

Glück in der sizilianischen Landschaft: Ein Strand im Spätersommer in Fontane Bianche

In Sizilien sind nicht alle Menschen glücklich, nur weil die Landschaft schön ist. Auch hier gibt es die Verdrießlichen, die Mürrischen, die Erniedrigten und Unzufriedenen, die vielleicht schon gar nicht mehr sehen, was ich so sehe. Und ich kann das verstehen. Sie haben auch fast dieselben Sorgen wie wir Nordlichter, nur das Wetter ist deutlich besser.

Das Glück der Natur liegt in Sizilien jedenfalls hinter jeder Ecke. Eine Landschaft, die dich staunen und sich bewundern lässt. Schau hin, es ist umsonst. Ich schenke es dir.

Ich weiß nicht, wie je ein Mensch auf die Idee kommen konnte, die Schaulust an der Natur sei verwerflich und sollte tunlichst unterlassen werden. Augustinus macht sich lustig über alle, die das tun, weil er sich das ja alles vorstellen könne:

“Es ziehen die Menschen dahin, um zu bewundern die Höhen der Berge und die gewaltigen Wogen des Meeres, den breiten Fall der Flüsse, den Umfang des Ozeans, die Kreise der Gestirne, und verlassen sie selbst, ohne sich zu wundem, daß ich das alles, während ich davon redete, nicht mit Augen sah und doch nur von Bergen, Strömen und Flüssen und Gestirnen sprach, die ich gesehen, und vom Ozean, den ich mir nur vorstellte, und schaute es in dem so ungeheuer großen Raume meines Gedächtnisses, als schaute ich es vor mir …”.

Statt Kopfreisen Ausflüge ins offene Feld

Das kann er halten, wie er will, würde ich sagen. Wenn ihm die Vorstellung genügt, der immerhin keine Grenzen gesetzt sind, bitte schön. Den meisten genügen Kopfreisen nicht. Und sie haben recht damit. Sie werden auch nicht genügen, wenn unsere Technik so weit fortgeschritten sein sollte, dass sie in der Lage wäre, uns eine Welt vorzugaukeln, die längst nicht mehr ist. Eine Art Holodeck nach ihrer Zerstörung, eine Welt über der Welt, die wir Meta nennen, während wir vor dem heimischen Computer sitzen und uns vormachen, das sei real.

Aber wer weiß, es mag sein, dass es genau so kommt, und dann sagen dir die Leute, dass sie schon in Sizilien waren, ohne jemals nur einen Fuß voreinander gesetzt zu haben, weder in Palermo noch in Centuripe oder am südlichsten Punkt Italiens. Und dass es ihnen egal ist, ob es real sei oder nicht, wenn sie es überhaupt noch auseinander halten können. Wenn das Simulierte die Realität ersetzt hat, wird vielleicht niemand auf die Idee kommen, sie zu vermissen.

 

Glück in der sizilianischen Landschaft: Ein Standbild markiert das südlichste Ende Italiens an der Isola delle Correnti

Jedenfalls machen einige Geistes- und Kulturwissenschaftler Petrarca dafür verantwortlich, dass es lohnt, etwas anzuschauen, nur weil du eben genau das tun willst. Du willst es selber sehen, wirklich sehen, wirklich da sein. Petrarca bestieg im Jahr 1336 den Mont Ventoux in der Provence. Alles, was er wollte, war zu schauen, wie es von oben aussieht. Damit, sagen sie, “beginnt eine Naturbetrachtung, die auf einen eigenen Ton gestimmt ist, wo die Natur als Natur wahrgenommen wird”.

Die Landschaft Siziliens hat mich schon vor mehr als zwanzig Jahren eine Spur in meinem Kopf hinterlassen. Ich saß im Zug und reiste quer über die Insel von Palermo Richtung Catania. Der Blick aus dem Fenster erschien mir nicht von dieser Welt. Kleine Städte blickten von ihren Hügeln bis hin zum Meer oder zum Etna. Das kannst du dir vorstellen, aber wenn du es selber siehst, ist es eine andere Angelegenheit. Dass es sowas wirklich gibt und eben nicht nur in der Vorstellung.

Warum sollte das jemand wollen?

Es gibt vielleicht Menschen, die sich diesem Zauber entziehen können, aber warum sollte das jemand wollen? Es liegt eine Schwerelosigkeit, eine Leichtigkeit über dieser Landschaft, die ich gerne annehme. Ich kann mich an kaum einen Tag der vergangenen Monate erinnern, an dem ich mir nicht die Augen gerieben hätte, um mich davon zu überzeugen, dass ich nicht träume.

Was auch kommen mag, dieses Jahr wird das Jahr sein, das bleibt.
Ein Glück, das bleibt.

Und falls ich nicht mehr hier sein sollte, werde ich in Gedanken durch diese Landschaft reisen und leise weinen. Schöner wird’s nicht.

 

Blick auf Caltabellotta im Hochsommer